Manchmal

sea-storm-1370210_1280
pixabay.com LINK

Schreib es dir von der Seele heißt es. Aber manchmal fühlt sich das Schreiben für sie noch zu früh an. Manchmal ist sie noch nicht bereit für diese Buchstaben: schwarz auf weiß. Manchmal sind die Zeichen noch so sehr auf Sturm gestellt, dass es ihr gar nicht auffällt, wie am Himmel die Sonne hinter einer Wolke hervorschaut. Manchmal versucht der flache Atem den Wellengang zu bezwingen, während die Hände am Rettungsring verkrampfen. Manchmal ist das so. Und manchmal weiß so ein manchmal nicht, dass es ein manchmal ist. Denn manchmal hält sich das Manchmal für ein immer.

Advertisements

Im Prozess – Neulich beim Schuster

 

batch-print-528023_1280
Geralt, Pixabay.com Link

Immer wieder stoße ich in meinem Studium temporär an Mauern, an Grenzen und an Schluchten. Sich einlassen bedeutet manchmal zunächst Dinge aus-einander-zu-setzen, damit ich sie besser sortieren kann.

Da ich in den letzten Tagen (vielleicht sind es schon Wochen) immer wieder an einer letzten Übung für das Seminar Lyrik scheitere, versuche ich jetzt, all jenem Raum zu geben, was sich vor diese Übung schiebt.

Wieder und wieder kreisen meine Gedanken um verschiedenste Tätigkeiten fernab dieser letzten Übung: Tätigkeiten und Abgabetermine für andere Dinge. Gestern habe ich mir eine überdimensional große Pinnwand gebaut. Meinem inneren Chaos habe ich auf dieser Wand eine Ordnung gegeben. Wenn ich die Pinnwand jetzt ansehe, werde ich ruhiger. Und während ich mich mit dem Bau der Pinnwand beschäftigte, oder bereits kurz davor, fielen mir spielerische Zeilen ein. Kurz störten sie mich, weil sie nicht das beschreiben, was die Übung verlangt. (Einen Zusammenhang mit der Übung gibt es trotzdem.) Außerdem fielen mir wieder Endreime ein und dieses stetige Festhalten an Reimmustern nervte mich plötzlich sehr!

Jedoch komme ich zu dem Schluss, dass es hilfreich sein kann, das aufzuschreiben, was IST, um den Weg für (hoffentlich!) Neues zu öffnen.

Deshalb bekommt das entstandene Gedicht hier eine Bühne:

 

Neulich beim Schuster

 

Neulich beim Schuster:

„Ich brauch ein neues Muster!

Wenn ich im Schnee mein Leben verfasse,

ist’s der stetig gleiche Abdruck, den ich hinterlasse.

Im immer gleichen Abstand, tret‘ ich auf der Stelle

in der immer gleichen Bahn. Und die einzige Welle,

die dabei entsteht, ist die Welle am Rand:

wo zur Seite Gedrängtes, ein eig’nes Leben fand.“

Organisation ist alles – Es lebe das Chaos

IMG_4204
vom Haus aus Papier

Plötzlich stört der Duschvorhang und wird für oll befunden. Plötzlich stören die zwei Flecken an der Wand – ich könnte sie streichen. Und der Wasserhahn in der Küche könnte auch einen Ortswechsel vertragen.

Zwei freie Tage: Ein großer Haufen Schreibkram zu erledigen. Die Wichtigkeit zur Handwerkerin zu werden, lässt sich jedoch nicht aus meinem Kopf verbannen. Aber, hallo? Ich werde jetzt doch nicht wegen zwei Flecken die ganze Wohnung streichen! Dann komme ich ja sonst zu nix mehr. Außerdem sieht außer mir kein Mensch die Flecken und ich bin gegen die Farbdämpfe allergisch. Aber ein Kompromiss muss her. In mir meckert es weiter. Ok, der Duschvorhang ist wirklich oll, und wenn ich schon nach Schweden fahre, dann kann ich dort auch einen Wasserhahn kaufen.

Der Plan: morgens hin. Dann ist es dort auch noch leer. Aber an den einzigen zwei freien Tagen früh aufstehen? Auf keinen Fall. Schlaf ist Psychohygiene, ausgedehntes Duschen (und das Abschiednehmen vom alten Duschvorhang dabei), Frühstück, E-Mails checken, Espresso in der Sonne auf dem Balkon trinken, ebenfalls. Danach erwische ich mich beim Wäsche-Zusammenlegen. Was ich angefangen habe, kann ich ja nicht einfach wieder aufhören?! Der Morgenbegriff ist dehnbar. Kurz vor 13.00 Uhr trudele ich im blau-gelben Gebäude ein. Außer mir sind hier alle Frauen schwanger. Um mich anzupassen, nutze ich den Muffin-Hosen-Effekt (besser bekannt als Röhrenjeans). Ich pumpe durch meinen Atem den Teigrand in der unteren Bauchnabelregion auf. Zur Untermalung lege ich meine Hand darauf.

Als ich eine gelb-blaue Frau nach dem Treffpunkt für Duschvorhänge frage, mustert sie mich irritiert. Ihr Blick bleibt nicht an meinem Bauchnabel hängen, nein. Er wandert seitlich in meine Hüfte. Ertappt errötend lasse ich die Luft raus und werde glücklicherweise in die Richtung der Duschvorhänge katapultiert. Keiner von ihnen löst Begeisterung aus. Mir fällt ein, dass ich den letzten auch gar nicht in Schweden gekauft hatte. Einen angemessenen Nachfolger zu finden, wird schwer. Ich entscheide mich für ein schlichtes Modell, das mich an Gardinen in Wohnzimmern erinnert. Den aufkommenden Spießer-Kommentar boxe ich in die Ecke zu den Klobürsten. An der Kasse finde ich den Vorhang leider bereits selbst öde. Egal. Ich drehe jetzt nicht noch einmal um.

Auf dem Nachhauseweg erreicht mich eine SMS: Heyhey! Was machst du heute? Es ist so schönes Wetter! Ich muss nicht erst in den Himmel schauen, um zu wissen, dass diese Aussage stimmt. In den letzten Tagen hat es nur geregnet und heute wirkt der Himmel wie ein Schubladen-Klischee-Strampler für Babys, die später mal zu Männern heranwachsen.

Verdammt. Was soll ich nur tun? Fluchen hilft auch nicht weiter. Erst einmal Zuhause einen Espresso aufsetzen und einen Blogeintrag schreiben, der überhaupt nicht vorgesehen war. Und danach werfe ich den alten Duschvorhang in die Waschmaschine. Vielleicht ist er ja noch zu retten.

Eis-Blog-Eintrag

Sie findet keine Axt für das gefrorene Meer in ihr, deshalb legt sie sich hinauf – mit dem Gesicht nach unten. Warme Luft haucht sie auf das Eis und poliert es mit ihrem Handschuh, so dass es ihre Nase spiegelt. Doch durschauen, kann sie es nicht.

Enttäuscht steht sie auf und geht vorsichtig, fast tastend zum Ufer. Dort zieht sie ihre Schlittschuhe an. Sie gleitet auf dem gefrorenen Meer dahin, in klirrender, silber-glänzender Kälte. Die Stille schmiegt sich sanft an ihre vom Wind geröteten Wangen und der Nebel umgibt ihre Bewegungen, als würde er einen Traum retuschieren.

Vielleicht erkennt jemand dort unten die Melodie ihres gleitenden Tanzes und entdeckt eine rhythmische Neugier, welche die Welten zu verbinden vermag?

Nähe hat viele Formen.

landscape-115050_960_720
pixabay.com Link

Wenn sich die Synapse(l)n verkapseln

IMG_2496 - Kopie
Bilderrätsel vom Haus aus Papier: Welches Wort setzt sich hier zusammen? Auflösung am Ende des Blogeintrags.

Ab jetzt gilt´s. Dies waren die Worte des Dozenten. Von Januar bis Ende März ist es die Aufgabe der Student*innen des Biografischen und kreativen Schreibens, einmal pro Woche einen Blogeintrag zu erstellen. Ich startete bereits etwas früher und habe spielerisch und mit Freude begonnen Jenes zu posten, was mir durch den Kopf wanderte. Lustvoll und wertfrei. Doch dann kamen diese Worte: Ab jetzt gilt`s. Das Ende der Freiheit. Der Neujahrsbeitrag war schnell geschrieben. Aber dann …

Es bauten sich in den letzten Tagen aus Zweifeln und Druck Straßen in meine Gedankenwelt. Auf der Suche nach Hilfe habe ich andere Blogs durchstöbert. Auf dem Blog von Jutta Reichelt habe ich den Artikel 5 Fragen zu deinem Talent gefunden, der mir dabei half, diese Straßen wieder zu verlassen und inspiriert vom Gelesenen, folgenden Text zu verfassen:

Als ich das Haus aus Papier auf den Mond geschossen habe

Die meiste Zeit mag ich das Haus aus Papier. Wenn ich dort bin, gibt es viele Möglichkeiten, so viele Blätter, die ich beschreiben kann. Es gibt Stifte in den buntesten Formen und Farben. Meistens schreibe ich jedoch mit meinem Füller. Ich mag es, wie er sanft über das Papier gleitet und einen blauen Fluss hinterlässt. Die Worte fließen und gurgeln, sprudeln oder tröpfeln aus ihm, direkt auf das Papier. Es entstehen Landschaften in royalblau. Manchmal entsteht ein vereinzelter Teich, eine Pfütze oder auch nur ein Regentropfen, der am Blatt aus Papier hinabperlt.

Doch plötzlich frage ich mich, wozu diese Landschaften entstehen sollen? Die Reinheit eines weißen Blatts strahlt eine Unschuld und eine ganz eigene Form von Eleganz aus. Beschmutze ich dieses Blatt nicht? Wie komme ich darauf, dass ich es gestalten kann? Es gibt unzählige, bekannte, wunderschöne Reiseziele. Wer benötigt die Spiegelung einer Pfütze? Auf einmal blendet das Weiß des Papiers mit seinem beißenden, grellen Licht so sehr, dass meine Augen brennen und die Tinte im Füller augenblicklich vertrocknet. Er fällt mir aus der Hand und verschwindet kullernd unter einer Seite. Ich sinke auf den Boden und starre ins weiße Nichts. Das Nichts starrt zurück. Lautlos, tonlos, penetrant. Die Wände des Hauses aus Papier scheinen auf mich zuzukommen. Das Atmen schmerzt. Ich bin unfähig mich zu bewegen. Ich schreie. Gedanklich schieße ich das Haus aus Papier auf den Mond.

IMG_2440 - Kopie

 

Doch da das Haus aus Papier ein Teil meiner Gedanken ist, finde auch ich mich dort oben wieder und werde überrascht: Auf dem Mond sind die gleichen Menschen, nein, dieselben Menschen, wie jene, die mir auf der Erde begegnet sind. Jede scheint sich selbst, eine andere Person oder eine Idee bereits einmal hierher verbannt zu haben. Das ist ein tröstlicher Gedanke. Ich betrachte mein Haus aus Papier von einer neuen Seite.

Alles Weitere steht auf einem anderen Blatt.

(Auflösung des Bilderrätsels: Schreibblockade)