Abschied bei den Kaninchen

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Quelle: Pixabay.com, Couleur, LINK

Es war ihr letzter Tag. Sechs Wochen lang hatte sie als Aushilfe an einer Ganztagsgrundschule gearbeitet. Jetzt stand sie dort im Gruppenraum und sah den Kindern beim Toben zu. Dann fiel ihr Blick auf Erkan. Irgendetwas war anders. Was war hier los? Sie sah, wie Erkan seinen Schuh auszog und mit diesem auf einen anderen Jungen der 2.Klasse losstürmte. Dieses Verhalten hatte sie von ihm bisher nicht gesehen. Er schien seine Umwelt nicht mehr wahrzunehmen. „Erkan!“ sagte sie laut. „Erkan!“ Keine Reaktion. „ERKAN!!!“ Mitten im Lauf blieb Erkan stehen und schien für den Bruchteil einer Sekunde einzufrieren. Dann ließ er die Hand mit seinem Schuh in ihr sinken. Er starrte zu ihr hinüber und sein ganzer Körper sank zu Boden. Die großen braunen Augen füllten sich mit Tränen. Er schlug die Hände vor sein Gesicht. Im Raum war es plötzlich ganz still. Nur sein Schluchzen war zu hören. Sie ging zu ihm und kniete sich vor ihm hin. „Du hast dich ganz schön erschrocken, hmmh?“ Sein Schluchzen wurde lauter. „Du … Du machst das nicht.“ Ein erneutes Schluchzen ließ seinen kleinen Körper wieder erzittern. Sie blickte ihn abwartend an. „Du machst das nicht“, wiederholte er. Dann nahm er seine Hände vom Gesicht. „Die … die anderen Erwachsenen, die schreien, aber du …“ Erneut glitzerten seine Augen. Eine dicke Träne lief seine linke Wange hinab. „Aber du hast das noch nie gemacht! Du machst das nicht!“ „Erkan, ich wollte nicht, dass du Jemanden schlägst. Du warst so wütend, dass du nicht gehört hast, dass ich dich gerufen habe.“ Er schaute ihr in die Augen. Sie erwiderte den Blick. „Erkan, ich habe auch noch nie gesehen, dass du Jemanden geschlagen hast. Was hat dich denn so wütend gemacht?“ Er schaute zu Boden, als ob er dort eine Antwort suchen würde. Jedoch schien er nichts zu finden. Als er sie erneut ansah, war sein Blick verletzlich und unsicher. Hilflos zuckte er mit den Schultern und schwieg. Das war ein echtes Schweigen. Ein Schweigen, das aus fehlenden Worten entsteht. Ihr kurzes Blinzeln signalisierte ihm, dass es ok ist und sie nicht weiter fragen würde. Er lief aus dem Raum.

Später hatte sie Pausenaufsicht auf dem Schulhof. Die Schülerinnen und Schüler schienen sich alle selbst zu beschäftigen. Sie mochte diesen Augenblick, indem sie durchatmen konnte. Leise hatte sich Erkan ihr von der Seite genähert und stellte sich neben sie. „Weißt du“, sagte er, „ich habe Filinchen dabei. Die mag ich, weil die so knusprig sind. Das ist so ein Knäckebrot, weißt du. Und Kamillentee. Meine Mama hat mir das mitgegeben, weil ich heute Morgen ein wenig Bauchschmerzen hatte.“ Sie schaute ihn an und lächelte. Kurz überlegte sie, was sie zu ihm sagen könnte. Ihr war, als ob er etwas Wichtiges sagen wollte und diesen Moment wollte sie nicht zerstören. Etwas unsicher fragte sie: „Und wie geht es deinem Bauch jetzt?“ „Wieder besser“, sagte er leise. Dann trommelte er mit seinen Fingern an dem Geländer, an dem sie lehnte. Seine Augen wanderten über den Schulhof und den daran anschließenden Schulgarten, während er weitersprach. „Bevor du da warst – nein, noch davor- da war einmal eine Lehrerin, die mochte ich ganz gerne. In der ersten Klasse. Und dann ist die weggezogen.“ Plötzlich blieb sein Blick hinten im Schulgarten hängen. Dort hinten war ein Kaninchenstall. „Ich war lange nicht mehr bei den Kaninchen, die muss ich besuchen gehen. Kommst du mit?“ Erkan streckte ihr seine Hand entgegen. Sie ergriff die Hand. „Ich komme sehr gerne mit.“

 

(und wieder eine Geschichte zu Juttas Geschichtengenerator. Vorgaben diesmal: „Schulhof“ und Kommst du mit?“ fragt Erkan )

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12 Gedanken zu “Abschied bei den Kaninchen

  1. Wie schön! Und so realistisch. Ich sage das weil ich beim Lesen an einen früheren Schüler von mir denken musste. Damals war ich die Bibliothekarin an einer internationalen Schule und zu meinen Aufgaben gehörte es auch bei den kleinen Klassen (Vor- und Grundschule etwa) wenn die Ruhepause hatten dazuzugehen. Der Junge, den ich meine hatte zumindest laut dem was mir mitgeteilt wurde ADHS und war enstprechend leicht „pitch-bar“, da konnte irgendwas sein, eine Schere fiel runter und der war von null auf 100 überdeht (damit ging es ihm schätzungsweise selber nicht so gut) und das konnte sich äußern in dem er dann „umräumte“, balgte etc. Aber es gab dann auch Zeiten, da war er ausgepowert und dann kam er zu einem, wollte auf den Schoß oder sich anlehnen (kleine Kinder wie gesagt, maximal 6 Jahre) und wenn du ihn dann da hattest hat er dir immer so ein bisschen am Ärmel gezuppelt, das hat ihn dann beruhigt und er machte das auch nur bei bestimmten Personen, ging dafür also auch nicht zu jedem Lehr- oder Aufsichtsmensch. An den musste ich bei deinem Erkan denken.

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      1. Ich weiß gar nicht wie das anders heißt. Ziehen ist dafür schon zu stark. Er fasste den Stoff und ließ dann wie eine Gitarrensaite *pling, pling*, weißt du was ich meine? „Zupfen“ würde man wohl Hochdeutsch sagen, glaube ich.

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        1. Zuppeln finde ich noch viel schöner, als zupfen! Und auch passender… ich muss mal nachschauen- ich meine, dass ich hier in der Geschichte „aber Hallo“ auch einmal so eine Situation beschrieben habe- weiß nur gerade nicht, welches Wort ich dort benutzte …

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  2. Auch mich berührt dieser Text sehr. Auch, dass und wie das „Schweigen“, über das wir uns zuletzt austauschten, hier auftaucht. Für mich ist es ein Text über Abschiede, über das Gefühl, verlassen zu werden und während ich hier sitze und über den Text nachdenke, merke ich, dass der Hinweis auf diese andere Lehrerin ein doppelter ist: Er charakterisiert die Situation, in der sich die beiden befinden, aber er bedeutet gleichzeitig, dass Erkan vermutlich auch in Zukunft immer mal wieder Erwachsenen/LehrerInnen begegnen wird, die nicht schreien, die er mögen kann. Und das ist dann ja auch wieder tröstlich …

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