Der USB-Stick und ein Brief ans Universum

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Liebes Universum,

mein Name ist Emma und ich weiß Dinge, die ich nicht wissen möchte und die Person, von der ich diese Dinge weiß, weiß wiederum Dinge von mir, die er nicht wissen sollte. Das ist alles schrecklich. Wo fange ich an? Also: ich bin Psychotherapeutin und unterliege der Schweigepflicht. Tom ist ein jugendlicher Patient von mir und er hat mir erzählt, dass er einen Jugendlichen namens John krankenhausreif geschlagen hat, weil dieser Nina, eine Freundin von ihm, vergewaltigt habe. John liegt jetzt auf der Intensivstation. Was mich nachhaltig bewegt, sind nicht nur die grausamen Geschehnisse, sondern auch, oder ganz besonders Toms Motivation zu dieser Tat.

Mir ist ein großer und schwerwiegender Fehler unterlaufen. Ich habe einen USB-Stick in meiner Praxis verloren, den Tom gefunden und eingesteckt hat. Auf diesem Stick sind Auszüge meines Tagebuchs gespeichert. Liebes Universum, du wirst dich jetzt sicher fragen, warum ich diesen Stick bei mir trug und warum ich Auszüge meines Tagebuchs darauf speicherte. Das wäre alles nicht passiert, wenn mein Laptop nicht diesen furchtbaren Virus gehabt hätte!! Aus Angst, dass ich alle meine Daten verlieren könnte, habe ich einige Dokumente an diesem Morgen auf meinen Stick gezogen und diesen in die Tasche meiner Jeans gesteckt. Ich wollte meine Unterlagen am Abend, wenn meine Kolleginnen die Gemeinschaftspraxis verlassen hätten, ausdrucken. Irgendwie muss mir der Stick aus der Tasche gerutscht sein. Während ich das schreibe, kommen mir wieder die Tränen, weil ich einfach nicht weiß, was ich machen soll …?

Tom hat diesen Stick gefunden und erpresst mich jetzt damit. Er hat mir alles über seine Tat erzählt, und auch, dass die Polizei ihn und seinen Komplizen sucht, aber im Dunkeln tappt. Was auf dem Stick ist? In den Tagebuchaufzeichnungen habe ich viel von Flo, einer anderen Patientin von mir geschrieben, weil mich ihr Fall so sehr an meine eigene Kindheit erinnert und an die Gewalt, die ich selbst erlebte. Warum nur, habe ich nicht ihren Namen geändert? Jetzt weiß Tom Dinge über Flo, die er nie hätte erfahren dürfen. Ich habe unbeabsichtigt meine Schweigepflicht gebrochen. So eine riesengroße Scheiße! Und Tom weiß nun auch über meine eigene Vergangenheit Bescheid. Und was ich noch gar nicht erwähnt habe: ich kenne John! Ich kenne das Opfer. John ist der Enkel meiner Nachbarin Luise, die, egal bei welchem Wetter, einen Hut trägt. Was ist mit diesem Jungen los? Ich meine, ich kenne ihn ja nur vom Sehen. Als er noch ein kleiner Junge war, habe ich ihm manchmal beim Spielen im Hof zugesehen. Er war immer ein zurückhaltendes, eher schüchternes, blasses Kind.

Jedenfalls hat mir Tom erzählt, wie er zusammen mit einem Viktor, der ihm noch einen Gefallen schuldig war und deshalb nicht Nein sagen konnte, in diesen Park gegangen ist. Dort haben die Beiden auf John gewartet, der seinen Nachhauseweg immer durch diesen Park abkürzt. Dann hat sich Tom auf John gestürzt und Viktor hat Schmiere gestanden. Und jetzt liegt John im Koma.

Und das Entsetzliche ist, wie es Tom erzählt hat. Er erzählte es mir so, als ob ich ihn dafür bewundern sollte! „Jederzeit würde ich das wieder tun“, hat er gesagt. Er sieht sich als Held – als Rächer all jener Menschen, die Gewalt erleben mussten. Er scheint sich, durch sein Wissen über mich, welches er jetzt hat, auch als meinen Retter zu sehen. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich weiß gerade nicht, was ich denken soll. Immer wieder hat er mich gefragt, ob das keine gerechte Strafe für John sei. Als ich ihm sagte, dass er nicht Gott spielen könne, hat er mich erpresst. Er verlangt von mir, dass ich die Therapie mit ihm fortsetze; mit 3 Sitzungen die Woche, anstatt mit einer, wie bisher. Tue ich dies nicht, so wird er Flo ansprechen. Ihr sagen, was er über sie weiß und woher er es weiß. Das wäre eine Katastrophe! Es hat fast 4 Jahre gedauert, bis Flo überhaupt wieder einem Menschen vertrauen konnte. Vor einer Woche hat Erkan (ihr erster Freund seit vielen Jahren), sie gefragt, ob sie seine Frau werden möchte. Sie hat sich so gefreut und gleichzeitig hat sie sich immer wieder in Frage gestellt. Sich immer wieder gefragt, ob sie es wagen kann, jemandem zu vertrauen. Auch außerhalb der Therapie. Ich will nicht darüber nachdenken, was passieren würde, wenn sie erfahren würde, dass …! Was soll ich nur tun? Liebes Universum, ich werde diesen Brief an dich verbrennen, um nicht noch mehr Spuren zu hinterlassen. Und dann muss ich zurück zur Praxis. Habe gleich ein Erstgespräch. Eine Clara stellt sich vor.

Verzweifelte Grüße

Emma

 

Liebe Emma,

schade, dass du nichts von mir lesen kannst und mich auch nicht hören kannst. Denn, könntest du es, gäbe es eine wichtige Information für dich. Tom sucht schon seit Stunden Etwas.

Dein Universum

 

(und wieder eine Geschichte als Antwort auf Juttas Geschichtengenerator. Dieses Mal habe ich alle Charaktere in ihr vereint: Emma (weiß alles), Tom (sucht etwas), Nina (schwer bepackt), Viktor (das nächste Mal wird er Nein sagen), Flo (Junge oder Mädchen), Luise (ältere Dame mit Hut), John (sehr blass), Erkan (ziemlich verliebt), Clara (kann sehr laut pfeifen).)

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21 Gedanken zu “Der USB-Stick und ein Brief ans Universum

  1. Diese Geschichte, fesselte mich. Ich mag die feine Art der Spannung. Donnerwetter, was für ein Wochenende. Gut, dass wir ein „Universum “ haben, um unseren persönlichen Kummer los zu werden. Danke dafür.

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    1. Danke dir! Ja, die Idee kam mir bei der Arbeit. Interessanterweise weiß ich erst seit kurzer Zeit, wie ich zum Schreiben komme. Beim Generator ist das so, dass ich morgens lese, was die Aufgabe ist und dann nehme ich das mit in den Arbeitstag. Irgendwie arbeitet es da dann im Hintergrund vor sich hin, bis ich eine ziemlich genaue Vorstellung vom Text im Kopf habe und dann schreibe ich sie herunter, wenn ich nach Hause komme.

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      1. Ich glaube auch, dass es für eine halbwegs mühelose Schreibpraxis sehr günstig ist, wenn es uns gelingt, unseren Kopf auch in den Zeiten mit der Ideenfindung zu beschäftigen, in denen wir „eigentlich“ etwas anderes tun. Deswegen ist es so wichtig, immer zumindest so viel mit einem Text beschäftigt zu sein, dass wir diese Verbindung nicht verlieren, dass er uns „im Hintergrund“ durch den Tag begleitet … (Ist übrigens auch wichtig unter dem Aspekt des Zeitproblems 😉

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        1. Absolut! Wenn ich mir das recht überlege, ist das eine sehr praktische „Arbeitsteilung“, die da im Kopf stattzufinden scheint. und ja- auch unter dem Aspekt des Zeitproblems! Hach- also irgendwie ist das doch toll 😉

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          1. Ich finde es auch wirklich und ganz ernstgemeint großartig, diese Arbeitsteilung! Und deswegen finde ich auch diese Verbindung wichtiger, als die Forderungen, jeden Tag oder jede Woche oder mindestens xy Worte oder was weiß ich wieviel zu schreiben …

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      2. das kenne ich von mir auch – ich trage manche Idee tagelang mit mir herum und es arbeitet im Hintergrund (oder im Untergrund 🙂 ? ) – irgendwann ist dann der Zeitpunkt da und es kann aufgeschrieben werden. Ich stelle mir das vor wie eine Buchstabensuppe, die leise vor sich hin köchelt. Irgendwann kann man den Schaum oben abschöpfen, lach. Kreativität ist ja auch nicht das „Tun“ sondern der Prozess davor. Ich finde das immer sehr spannend und es ist schön, sich mal darüber auszutauschen!

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  2. Pauline, das ist sooo überzeugend, dass ich voller Anspannung las und mich mehrfach damit beruhigte, dass es ja nur fiktiv sei, es aber in der nächsten Zeile schon wieder vergaß. Hut ab! Das ist sehr gelungen! Und ich bin enorm erleichtert darüber, keinen Ansatz für eine Lösung finden zu müssen.

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