Haus am Meer

Grau ummalt das Haus am Meer –

klappernd erzählen die Fenster

Geschichten der Welt.

Pfeifend und donnernd,

scheppernd und zeternd

dirigiert der Sturm

die Wellen

und begleitet Blätter auf ihrer Reise

ins Unbekannte.

 

Die Strömung

schmeißt ein Boot

ziellos nach rechts

und nach links.

Wasser von oben und unten

verdeckt seinen Blick auf den Horizont.

 

Doch dann:

Ein Sonnenstrahl bahnt sich den Weg

und macht Dunkles sichtbar,

in dem kleinste Partikel

freudig tanzen.

 

Das große Fenster zur Seeseite

bekommt Flügel.

 

Der Horizont lächelt –

das Boot beruhigt sich

und legt den Blick in die Tiefe frei,

auf deren Grund ein Anker unbeirrt

die Erde festhält.

 

 

 

 

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Abschied bei den Kaninchen

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Quelle: Pixabay.com, Couleur, LINK

Es war ihr letzter Tag. Sechs Wochen lang hatte sie als Aushilfe an einer Ganztagsgrundschule gearbeitet. Jetzt stand sie dort im Gruppenraum und sah den Kindern beim Toben zu. Dann fiel ihr Blick auf Erkan. Irgendetwas war anders. Was war hier los? Sie sah, wie Erkan seinen Schuh auszog und mit diesem auf einen anderen Jungen der 2.Klasse losstürmte. Dieses Verhalten hatte sie von ihm bisher nicht gesehen. Er schien seine Umwelt nicht mehr wahrzunehmen. „Erkan!“ sagte sie laut. „Erkan!“ Keine Reaktion. „ERKAN!!!“ Mitten im Lauf blieb Erkan stehen und schien für den Bruchteil einer Sekunde einzufrieren. Dann ließ er die Hand mit seinem Schuh in ihr sinken. Er starrte zu ihr hinüber und sein ganzer Körper sank zu Boden. Die großen braunen Augen füllten sich mit Tränen. Er schlug die Hände vor sein Gesicht. Im Raum war es plötzlich ganz still. Nur sein Schluchzen war zu hören. Sie ging zu ihm und kniete sich vor ihm hin. „Du hast dich ganz schön erschrocken, hmmh?“ Sein Schluchzen wurde lauter. „Du … Du machst das nicht.“ Ein erneutes Schluchzen ließ seinen kleinen Körper wieder erzittern. Sie blickte ihn abwartend an. „Du machst das nicht“, wiederholte er. Dann nahm er seine Hände vom Gesicht. „Die … die anderen Erwachsenen, die schreien, aber du …“ Erneut glitzerten seine Augen. Eine dicke Träne lief seine linke Wange hinab. „Aber du hast das noch nie gemacht! Du machst das nicht!“ „Erkan, ich wollte nicht, dass du Jemanden schlägst. Du warst so wütend, dass du nicht gehört hast, dass ich dich gerufen habe.“ Er schaute ihr in die Augen. Sie erwiderte den Blick. „Erkan, ich habe auch noch nie gesehen, dass du Jemanden geschlagen hast. Was hat dich denn so wütend gemacht?“ Er schaute zu Boden, als ob er dort eine Antwort suchen würde. Jedoch schien er nichts zu finden. Als er sie erneut ansah, war sein Blick verletzlich und unsicher. Hilflos zuckte er mit den Schultern und schwieg. Das war ein echtes Schweigen. Ein Schweigen, das aus fehlenden Worten entsteht. Ihr kurzes Blinzeln signalisierte ihm, dass es ok ist und sie nicht weiter fragen würde. Er lief aus dem Raum.

Später hatte sie Pausenaufsicht auf dem Schulhof. Die Schülerinnen und Schüler schienen sich alle selbst zu beschäftigen. Sie mochte diesen Augenblick, indem sie durchatmen konnte. Leise hatte sich Erkan ihr von der Seite genähert und stellte sich neben sie. „Weißt du“, sagte er, „ich habe Filinchen dabei. Die mag ich, weil die so knusprig sind. Das ist so ein Knäckebrot, weißt du. Und Kamillentee. Meine Mama hat mir das mitgegeben, weil ich heute Morgen ein wenig Bauchschmerzen hatte.“ Sie schaute ihn an und lächelte. Kurz überlegte sie, was sie zu ihm sagen könnte. Ihr war, als ob er etwas Wichtiges sagen wollte und diesen Moment wollte sie nicht zerstören. Etwas unsicher fragte sie: „Und wie geht es deinem Bauch jetzt?“ „Wieder besser“, sagte er leise. Dann trommelte er mit seinen Fingern an dem Geländer, an dem sie lehnte. Seine Augen wanderten über den Schulhof und den daran anschließenden Schulgarten, während er weitersprach. „Bevor du da warst – nein, noch davor- da war einmal eine Lehrerin, die mochte ich ganz gerne. In der ersten Klasse. Und dann ist die weggezogen.“ Plötzlich blieb sein Blick hinten im Schulgarten hängen. Dort hinten war ein Kaninchenstall. „Ich war lange nicht mehr bei den Kaninchen, die muss ich besuchen gehen. Kommst du mit?“ Erkan streckte ihr seine Hand entgegen. Sie ergriff die Hand. „Ich komme sehr gerne mit.“

 

(und wieder eine Geschichte zu Juttas Geschichtengenerator. Vorgaben diesmal: „Schulhof“ und Kommst du mit?“ fragt Erkan )

Die fiese Luise – heute anders

 

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Quelle: pixabay.com, waldryano, LINK

 

Sie sitzt – innerlich im Kontakt,

mit dem Beginn, dem ersten Akt.

Muffiges Kostüm, die Hose zwackt:

Aufregung hinterlässt sie nackt.

 

Ihr Hut verdeckt die unbewegte Miene,

dort hinten, in der Theaterkantine.

Noch fünfzehn Minuten bis zum Beginn.

Der Sekundenzeiger kriecht dahin.

 

Zwei Tische weiter, der junge Star:

mit geradem Rücken sitzt er da,

in freudiger Erwartung auf die Spiele –

Applaus und Ruhm sind seine Ziele.

 

Die Anderen hängen an seinem Mund.

Überzeugt von sich tut er jetzt kund:

„Klar! Natürlich kann ich das!“

Er, der zuletzt den Text vergaß …

 

Sie: In der Rolle der fiesen Luise:

das zwackende Kostüm trägt eben diese.

Doch in ihr drin, ist sie viel zarter.

Fakt ist: Wir alle spiel’n Theater.

 

(Zum Geschichtengenerator Nr. 14 von Jutta Reichelt. Vorgegeben: „Luise (ältere Dame mit Hut)“, „Kantine“ und „Natürlich kann ich das!“ Zur FIESEN LUISE habe ich bereits vor einiger Zeit etwas geschrieben.)

 

Ein Schuss …

 

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Quelle: Pixabay, MustangJoe, LINK

Wo sind die Anderen? Ein kurzer Blick über die Schulter zeigt ihr, dass sie es wirklich geschafft hat sich frei zu kämpfen, hier auf dem Feld. Und da! Ein perfekter Pass direkt vor ihre Füße. Wahnsinn! Gekonnt lenkt sie im Laufen den Ball nach vorne. Gedämpft bekommt sie das Raunen mit, das von den Tribünen zu ihr hinüberschwappt und sich euphorisch auf ihre brennende Lunge legt. Victory! Victory! Victory, brüllt sie sich innerlich an und führt den Ball weiter. Victory! Victory! VIC– und dann schießt sie. Der Torwart springt nach links, doch der Ball geht rechts oben ins Netz. –TOR! TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOR! AUUU! AHHHHHH…

„Flo. Flo. Flo! Flo! FLORENTINE!“ „Was?“ murmelt Flo noch im Halbschlaf. „Du hast geträumt.“ Flo ist plötzlich hellwach. „Scheiße, warum tut mein Fuß so weh?“ „Ich weiß nicht warum, aber du hast im Schlaf gegen die Heizung getreten!“ Die Beiden schauen sich den Fuß an, der bedenklich anschwillt. „Ich denke, dass ich dich zum Arzt fahren sollte.“ Florentine nickt fassungslos. Sie hatte sich so auf das Fußballspiel am Abend gefreut …

 

 

 

(und wieder ein Text zum Geschichtengenerator von Jutta Reichelt. Vorgegeben waren diesmal VICTOR (ja, na gut, eigentlich mit „k“, aber wer wird da schon kleinlich sein?) und WO SIND DIE ANDEREN? )

 

Dunkel war’s, der Mond schien helle

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Quelle: Pixabay, musthaqsms, LINK

 

(Zur Aufmunterung für mich und all jene, die auch ein wenig Aufmunterung gebrauchen können, teile ich dieses mündlich überlieferte Gedicht aus dem Spreewald.)

 

Dunkel war’s, der Mond schien helle,

schneebedeckt die grüne Flur,

als ein D-Zug, blitzesschnelle,

langsam um die Ecke fuhr.

 

Drinnen saßen stehend Leute,

schweigend ins Gespräch vertieft,

als ein totgeschoss‘ner Hase

über’m Sandberg Schlittschuh lief.

 

Und auf einer roten Banke,

die blau angestrichen war,

saß ein blondgelockter Knabe

mit kohlrabenschwarzem Haar.

 

Neben ihm ne olle Schrulle,

die grad zählte siebzehn Jahr,

in der Hand ne Butterstulle,

die mit Schmalz bestrichen war.

 

Droben auf dem Apfelbaume,

der die süßen Birnen trug,

hing des Frühlings letzte Pflaume

und auch Nüsse noch genug.

 

Und der Zug raste im Trabe,

rückwärts einen Berg hinauf.

Von unten zog ein alter Rabe

gerade eine Turmuhr auf.

 

Ringsrum herrschte tiefes Schweigen

und mit fürchterlichem Krach,

spielten in des Grases Zweigen,

zwei Kamele lautlos Schach.

 

Und zwei Fische liefen munter

durch das blaue Kornfeld hin.

Endlich ging die Sonne unter

und ein grauer Tag erschien.

 

Von der regennassen Straße

wirbelte der Staub empor.

Und ein Junge bei der Hitze

mächtig an den Ohren fror.

 

Beide Hände in den Taschen,

hielt er sich die Augen zu,

denn er konnt‘ es nicht ertragen,

wie nach Veilchen roch die Kuh.

 

Holder Engel, süßer Bengel,

mein geliebtes Trampeltier:

du hast Augen wie Sardellen.

Alle Ochsen gleichen dir.

 

Trübe Blicke, Augen klar,

süße Ohren, wie Korallen,

lange Strähnen, kurzes Haar,

Schuppen, die vom Kopfe fallen.

 

Diese traurige Geschichte,

war so lustig, wie noch nie,

deshalb heißt’s auf Wiedersehen,

bleibe bei mir, oh Marie!

 

Dies Gedicht schrieb Wolfgang Goethe,

als er auf dem Nachttopf saß.

Mittags in der Morgenröte

und die Abendzeitung las.

 

 

 

(kennt ihr andere Varianten dieses Gedichts? Ich denke, dass es verschiedene Visionen davon gibt …)

 

Der USB-Stick und ein Brief ans Universum

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Liebes Universum,

mein Name ist Emma und ich weiß Dinge, die ich nicht wissen möchte und die Person, von der ich diese Dinge weiß, weiß wiederum Dinge von mir, die er nicht wissen sollte. Das ist alles schrecklich. Wo fange ich an? Also: ich bin Psychotherapeutin und unterliege der Schweigepflicht. Tom ist ein jugendlicher Patient von mir und er hat mir erzählt, dass er einen Jugendlichen namens John krankenhausreif geschlagen hat, weil dieser Nina, eine Freundin von ihm, vergewaltigt habe. John liegt jetzt auf der Intensivstation. Was mich nachhaltig bewegt, sind nicht nur die grausamen Geschehnisse, sondern auch, oder ganz besonders Toms Motivation zu dieser Tat.

Mir ist ein großer und schwerwiegender Fehler unterlaufen. Ich habe einen USB-Stick in meiner Praxis verloren, den Tom gefunden und eingesteckt hat. Auf diesem Stick sind Auszüge meines Tagebuchs gespeichert. Liebes Universum, du wirst dich jetzt sicher fragen, warum ich diesen Stick bei mir trug und warum ich Auszüge meines Tagebuchs darauf speicherte. Das wäre alles nicht passiert, wenn mein Laptop nicht diesen furchtbaren Virus gehabt hätte!! Aus Angst, dass ich alle meine Daten verlieren könnte, habe ich einige Dokumente an diesem Morgen auf meinen Stick gezogen und diesen in die Tasche meiner Jeans gesteckt. Ich wollte meine Unterlagen am Abend, wenn meine Kolleginnen die Gemeinschaftspraxis verlassen hätten, ausdrucken. Irgendwie muss mir der Stick aus der Tasche gerutscht sein. Während ich das schreibe, kommen mir wieder die Tränen, weil ich einfach nicht weiß, was ich machen soll …?

Tom hat diesen Stick gefunden und erpresst mich jetzt damit. Er hat mir alles über seine Tat erzählt, und auch, dass die Polizei ihn und seinen Komplizen sucht, aber im Dunkeln tappt. Was auf dem Stick ist? In den Tagebuchaufzeichnungen habe ich viel von Flo, einer anderen Patientin von mir geschrieben, weil mich ihr Fall so sehr an meine eigene Kindheit erinnert und an die Gewalt, die ich selbst erlebte. Warum nur, habe ich nicht ihren Namen geändert? Jetzt weiß Tom Dinge über Flo, die er nie hätte erfahren dürfen. Ich habe unbeabsichtigt meine Schweigepflicht gebrochen. So eine riesengroße Scheiße! Und Tom weiß nun auch über meine eigene Vergangenheit Bescheid. Und was ich noch gar nicht erwähnt habe: ich kenne John! Ich kenne das Opfer. John ist der Enkel meiner Nachbarin Luise, die, egal bei welchem Wetter, einen Hut trägt. Was ist mit diesem Jungen los? Ich meine, ich kenne ihn ja nur vom Sehen. Als er noch ein kleiner Junge war, habe ich ihm manchmal beim Spielen im Hof zugesehen. Er war immer ein zurückhaltendes, eher schüchternes, blasses Kind.

Jedenfalls hat mir Tom erzählt, wie er zusammen mit einem Viktor, der ihm noch einen Gefallen schuldig war und deshalb nicht Nein sagen konnte, in diesen Park gegangen ist. Dort haben die Beiden auf John gewartet, der seinen Nachhauseweg immer durch diesen Park abkürzt. Dann hat sich Tom auf John gestürzt und Viktor hat Schmiere gestanden. Und jetzt liegt John im Koma.

Und das Entsetzliche ist, wie es Tom erzählt hat. Er erzählte es mir so, als ob ich ihn dafür bewundern sollte! „Jederzeit würde ich das wieder tun“, hat er gesagt. Er sieht sich als Held – als Rächer all jener Menschen, die Gewalt erleben mussten. Er scheint sich, durch sein Wissen über mich, welches er jetzt hat, auch als meinen Retter zu sehen. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich weiß gerade nicht, was ich denken soll. Immer wieder hat er mich gefragt, ob das keine gerechte Strafe für John sei. Als ich ihm sagte, dass er nicht Gott spielen könne, hat er mich erpresst. Er verlangt von mir, dass ich die Therapie mit ihm fortsetze; mit 3 Sitzungen die Woche, anstatt mit einer, wie bisher. Tue ich dies nicht, so wird er Flo ansprechen. Ihr sagen, was er über sie weiß und woher er es weiß. Das wäre eine Katastrophe! Es hat fast 4 Jahre gedauert, bis Flo überhaupt wieder einem Menschen vertrauen konnte. Vor einer Woche hat Erkan (ihr erster Freund seit vielen Jahren), sie gefragt, ob sie seine Frau werden möchte. Sie hat sich so gefreut und gleichzeitig hat sie sich immer wieder in Frage gestellt. Sich immer wieder gefragt, ob sie es wagen kann, jemandem zu vertrauen. Auch außerhalb der Therapie. Ich will nicht darüber nachdenken, was passieren würde, wenn sie erfahren würde, dass …! Was soll ich nur tun? Liebes Universum, ich werde diesen Brief an dich verbrennen, um nicht noch mehr Spuren zu hinterlassen. Und dann muss ich zurück zur Praxis. Habe gleich ein Erstgespräch. Eine Clara stellt sich vor.

Verzweifelte Grüße

Emma

 

Liebe Emma,

schade, dass du nichts von mir lesen kannst und mich auch nicht hören kannst. Denn, könntest du es, gäbe es eine wichtige Information für dich. Tom sucht schon seit Stunden Etwas.

Dein Universum

 

(und wieder eine Geschichte als Antwort auf Juttas Geschichtengenerator. Dieses Mal habe ich alle Charaktere in ihr vereint: Emma (weiß alles), Tom (sucht etwas), Nina (schwer bepackt), Viktor (das nächste Mal wird er Nein sagen), Flo (Junge oder Mädchen), Luise (ältere Dame mit Hut), John (sehr blass), Erkan (ziemlich verliebt), Clara (kann sehr laut pfeifen).)