Während die Nacht explodierte …

feuerwerk
vom Haus aus Papier

„Dieses Silvester verbringe ich alleine.“ „Wie, alleine? Ganz alleine, warum das?“, fragte die Kollegin. Sie seufzte innerlich. Warum verstand das denn Niemand? „Es stresst mich, mich entscheiden zu müssen, auf welcher Party ich Silvester verbringe. Dieser Neujahreswechsel bekommt immer so eine riesige Aufmerksamkeit, dass es ständig darum geht sich zu rechtfertigen, warum, wieso und weshalb die Entscheidung getroffen wird und nicht jene. Ich habe Silvester noch nie alleine verbracht und ich mag dieses Geböllere auch eher aus der Ferne. Das ist eine neue Erfahrung für mich, ganz bewusst alleine ins neue Jahr zu gehen“, antwortete sie auf die Frage. „Ich wüsste nicht, wofür diese Erfahrung gut sein sollte“, folgte prompt die Reaktion. „Aber ich weiß es und das genügt mir“, beendete sie das Gespräch.

Sie war erst vor einem Monat in diese Stadt und in ihre neue Wohnung gezogen. Das war wirklich nett, dass sie von Kolleginnen eingeladen wurde mit ihnen den Jahreswechsel zu feiern, doch der Gedanke daran überforderte sie. Zumal sie zwei Einladungen erhalten hatte und sich nicht entscheiden konnte, nicht entscheiden wollte. Sie wollte schreibend an ihrem Schreibtisch das neue Jahr beginnen. Allein. Hätte sie lügen sollen? Vorgeben sollen, dass sie bereits verabredet war? Auch diese Überlegungen stressten sie schon wieder. Warum war sie nur immer so ehrlich?

Jetzt stand sie, kurz nach Mitternacht im Halbdunkel, rauchend an ihre Balkontür gelehnt. Auf den gegenüberliegenden Balkonen wurde lautstark gefeiert. Raketen sausten in die Luft und explodierten in bunten Farben. Sie wünschte sich, dass sie dort, wo sie stand, eine unbemerkte Beobachterin bleiben würde. Ihr Blick wurde vom Balkonboden angezogen, dessen Steinplatten von einem leichten Schneemantel bedeckt waren. Zwischen den Platten wuchs ein Veilchen, verletzlich und unsagbar stark. Plötzlich schrieben sich Zeilen vor ihr inneres Auge. Spontan, um sie nicht wieder zu verlieren, schrieb sie die Worte mit ihrem Finger in den Schnee:

Die Nacht explodiert,

die Luft friert.

Die Menschen schauen nach oben –

nicht auf den gegenüberliegenden Balkon.

Niemand registriert,

dass dort ein blühendes Veilchen

den Schnee ignoriert.

Als sie gerade wieder in die Wohnung gehen wollte, fiel ihr die Jalousie der Balkontür ins Auge, die etwas schräg oben in der Verankerung hing. Das störte sie. Sie ruckelte daran, ohne dass sich etwas bewegte. Als Folge zog sie daran, so fest sie konnte. Plötzlich gab es einen Ruck und die Jalousie knallte hinab und versperrte den Weg zur Wohnung. Erschrocken stieß sie einen kleinen Schrei aus. Dann versuchte sie die Jalousie wieder nach oben zu schieben, doch irgendwas blockierte dort. Egal wie sehr sie sich anstrengte, sie bekam die Jalousie einfach nicht mehr hinauf. Fluchend führte sie Selbstgespräche und war in einem Zustand zwischen Lachen und Weinen. Wie viele Menschen hatten sich schon einmal auf ihrem Balkon ausgesperrt? Sie war so froh gewesen in eine Dachgeschoss-Wohnung zu ziehen, doch jetzt wünschte sie sich ins Parterre. Ihre Finger waren mittlerweile so eiskalt geworden, dass sie weiß wurden. Was mache ich nur? Was soll ich nur tun, fragte sie sich und drehte sich mit dem Rücken zu ihrer Tür. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr vom gegenüberliegenden Balkon Menschen winkten, die den Vorfall mitbekommen hatten. Sie starrte ihnen beschämt entgegen. „Du musst das Ding hochschieben“ brüllte ihr eine tiefe Frauenstimme über den Hinterhof entgegen. „Das geht nicht! Da klemmt was!“, brüllte sie zurück und musste plötzlich laut über die Situation lachen. Der gebrüllte Wortwechsel machte weitere Menschen aufmerksam. Viele auf den Balkonen feiernde Leute waren auf sie aufmerksam geworden und riefen ihr durcheinander teilweise unverständliche Dinge zu. Irgendwo von rechts rief Jemand „Was ist denn da los?“ Und von links brüllte einer: „Will da etwa Jemand springen? Ruft jemand die Feuerwehr?“ Nur die Menschen gegenüber konnten die Jalousie sehen, welche die Balkontür versperrte. Sie versuchte erneut, die Jalousie nach oben zu schieben, aber sie bewegte sich immer noch keinen Millimeter.

Was sie nicht sah, war, dass einige Nachbarn in der Zwischenzeit zu ihrem Wohnhaus gelaufen kamen und sich Zugang zum Treppenhaus verschafften. Plötzlich hörte sie neben sich ganz in ihrer Nähe die tiefe Frauenstimme, die ihr vorher von gegenüber etwas zugerufen hatte. Verwundert blickte sie sich um. Dann entdeckte sie eine Hand, die sich aus dem, von ihrem Balkon ca. einem Meter entfernten, Treppenhausfenster streckte. „Hier entlang“ wurde ihr zugerufen. Was??? Ich kann doch nicht… schoss es ihr durch den Kopf. „Stell dich auf die Balkonbrüstung und mache einen großen Schritt, dann bist du auf dem Fensterbrett zum Treppenhaus“, sagte die fremde Frau zu ihr. „Bist du bescheuert? Wir sind im 6.Stock! Das kann doch nicht dein Ernst sein?!“ „Das sieht schwieriger aus, als es ist, du darfst nur nicht nach unten sehen.“ Du hast gut reden- du spielst ja nicht mit deinem Leben, wollte sie der Frau gerade entgegenbrüllen, als irgendetwas sie still werden ließ. War es die Situation? In der Stimme der Frau lag eine Klangfarbe, die sie merkwürdigerweise ruhig werden ließ. Sie sah in die Augen des Gesichts, das sich aus dem Fenster streckte und antwortete wie weit entfernt von sich selbst: „Ist gut.“ „Wische mit deinem Hemdärmel über das Stück der Balkonbrüstung, auf das du dich stellen wirst“, riet ihr die Frau. Sie folgte ihren Anweisungen und stand wenig später auf der Brüstung. Nach unten schaute sie nicht. Ihren Blick heftete sie an die Augen der Frau. Und dann machte sie einen Schritt. Von außen sah das so aus, als würde sie den ersten Schritt auf dem Weg eines Sonntagsspaziergangs machen. Dann ging alles ganz schnell und sie wurde von der Frau in das Treppenhaus gezogen und sie hielt sie fest in ihrem Arm. „Frohes neues Jahr“, sagte die Frau. Jetzt erst bemerkte sie die anderen Menschen im Treppenhaus. Ihr wurde eine Jacke gereicht und ein Sektglas. Beim Anstoßen vermischten sich ihre Erleichterungstränen mit Sekt. Dieses Getränk hatte noch nie so gut geschmeckt. Die nächsten Stunden verbrachten alle feiernd im Treppenhaus. Fast wurde vergessen, dass ihr Schlüssel noch von innen in der Tür steckte.

 

(enstanden zum Geschichtengenerator mit der Vorgabe Treppenhaus. Wer alles gelesen hat: Respekt! Es ist etwas lang für einen Blogeintrag geworden…)

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29 Gedanken zu “Während die Nacht explodierte …

  1. Gefällt mir sehr, dieser Silvester-Abend! Die Frau auf dem Balkon und wie du diese ganze typische Silvester-Athmosphäre beschreibst und es kaum einen größeren Kontrast geben könnte und wie sie dann doch zusammenkommen, ohne dass es darauf hinausliefe … Und ich mag den letzten Satz ,-)

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      1. Deine Frage erinnert mich an eine kleine Skizze, die ich kürzlich angefertigt habe und eigentlich auch mal posten wollte – ich werde das nachholen 😉 Aber weil ich so geheimnisvolles Geraune nicht besonders mag: Ich vermute, dass es viel mit Begrenzung zu tun hat: es bleibt offen genug (es gibt ja unendlich viele Möglichkeiten aus dem vorgegebenen Material etwas zu machen), aber es gibt so etwas wie Netze, die man durchs Wasser ziehen kann und in denen sich mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit etwas verfangen wird … Und dann ist einfach auch eine ziemliche Menge an Erfahrung in den Generator eingegangen 😉

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        1. ja, es bleibt sehr viel Spielraum. Aber gleichzeitig ists so, dass ich mir einbilde es weiter von mir wegzuhalten, wenn ein Thema vorgegeben wird. Wahrscheinlich eine Art Selbstüberlistung. Denn, wenn ich selbst ein Thema suche, dann denke ich oft, dass dies zu nah an mir dran ist. Oh, poste diese Skizze mal unbedingt! Da bin ich sehr gespannt darauf 😉

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            1. Das klingt gut! Übrigens auch das Thema: was so gefunden wird, wenn man eigentlich etwas anderes sucht…
              und, wenn es auch nur eine klitzekleine Anregung ist, freue ich mich darauf 😉

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            2. … es ist, wenn überhaupt, eher eine Erklärung als eine Anregung – aber im besten aller denkbaren Fälle würde die Erklärung zur Reduzierung von Stress führen, was wiederum eine gute Voraussetzung ist, um Ideen zu entwickeln – so dass es einer Anregung dann evtl. gar nicht mehr bedürfte 😉

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            3. Ein super Satz!!!
              (wenn ich jetzt noch einmal schreibe, dass ich mich darauf freue und, dass mich Stressreduktion immer brennend interessiert, dann könnte dies ja einen Erwartungsdruck aufbauen, den ich nicht aufbauen möchte, deshalb wäre es klüger gewesen, gar nichts darauf zu antworten,wofür es jedoch jetzt schon zu spät ist. 🙂 )

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  2. Ich bin sprachlos- so viele Wendungen innerhalb weniger Zeilen (mir kam es überhaupt mich lang vor übrigens) und alles so glaubwürdig, dass ich mir eigentlich die ganze Zeit vorstellte, Dir sei das wirklich geschehen. Große Klasse!

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    1. Danke! Freut mich auch sehr zu erfahren, dass es nicht so lang daher kommt, wie ich befürchtet hatte!
      Und – ob teilbiografisch, biografisch oder rein fiktiv- das überlasse ich der Phantasie der Lerser*innen 🙂

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  3. „respekt!“ zurück 🙂 ich habe neulich irgendwo gelesen, längere blogeinträge sind manchmal sogar besser und ich finde, es stimmt. zumindest in diesem fall. mut wird belohnt, ob es um einen absprung geht oder ums schreiben, das stelle ich immer wieder fest. schön….
    ps: ich hoffe, sie kam dann doch noch irgendwie in ihre wohnung…ohne superteuren schlüsseldienst oder türen einzutreten. es gab da doch diesen trick mit spülmittel,nur erinnere ich mich nicht mehr genau, ich glaube, der bezog sich auch auf abgebrochene schlüssel..so, jetzt sind wir am thema vorbeigerasselt 😉

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    1. Danke sehr! Auch, dass du schreibst, dass lange Blogeinträge nicht zwangsläufig schlecht sein müssen… ich war was das angeht wirklich aufgeregt… Spülmitteltrick? Das klingt spannend- das sagt mir gar nix… Nicht am Thema vorbei, sondern spannend!

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  4. das ist sehr nett, danke ..ich kann mich beim besten willen nicht erinnern, wie das ging.. eine wahre geschichte, lange her, mir ist tatsächlich mal der schlüssel abgebrochen, mitten in der nacht. der schlüsseldienst wollte unverschämt viel geld und mein nachbar nur einen kasten bier, der kam und hat da was mit spülmittel gemacht…ich war auch ganz fasziniert. falls es mir wieder einfallen sollte, sage ich bescheid 😉 bis dahin, mehr geschichten!

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  5. Ups. Meine profane Anekdote beflügelt zu literarisch ungewöhnlichen Ausflügen – toll! Was mich jetzt jedoch ein für allemal der Aufgabe enthebt, zu erzählen, wie es im wahren Leben weiter ging. Gegen verletzliche Veilchen kommt mein pragmatisches Ende einfach nicht an.
    Eine schöne Geschichte, die Du hier so wunderbar erzählst… und das mit der Länge von Blogbeiträgen ist doch irrelevant – wenn die Story gut ist, liest man bis zum Ende. Und das war sie 🙂

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    1. danke dir für die Inspiration! auch, wenn du nicht die „Wahrheit“ erzählen magst, dann kannst du dir doch eine andere Wahrheit ausdenken!! (oder hast du schon und ich habe es noch nicht gesehen?) Obwohl ich wirklich gespannt darauf wäre, wie es wirklich ausging?? Ich mag es ja ganz gerne pragmatisch 😉 und danke auch für deine Meinung zur Länge von Blogbeiträgen!

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  6. Ganz tolle und spannende Geschichte! ich kenne das Gefühl sich für keine Einladung entscheiden zu können und bin fasziniert, wie das ganze weiter geht. Silvester Nächte sind immer so kalt… Und oben ausgesperrt zu sein… Ich bin erleichtert, dass deine Figur den Weg zum reingehen gewagt hat!
    Viele Grüße,
    Clara ombra

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  7. Das ist ja wirklich eine sehr schöne Geschichte, die mir ein bisschen die Tränen in die Augen trieb. Unverhofft kommt oft :-). Manchmal ist es ein Segen, wie sich fremde Menschen plötzlich verantwortlich fühlen und die heiß ersehnte Lösung zum Problem liefern! Eigentlich wollte ich nur sagen, dass ich auch schon zweimal ganz bewusst Silvester alleine verbracht habe, was mir richtig gut getan hat. Es war entlastend, sich weder irgendeiner bedeutungsschwangeren Stimmung noch einem erhöhten Alkoholkonsum anpassen zu müssen…

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    1. Danke für deinen Kommentar! Es klingt gut, dass du schreibst, dass du Silvester schon bewusst alleine verbracht hast und dir das richtig gut getan hat! Dann war es mit Sicherheit die richtige Entscheidung!

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