Der Tag der roten Socken

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Sie liefen auf Rollschuhen nebeneinander her. Es war ein kalter, aber trockener Tag und sie hatten es Beide kaum erwarten können, sich draußen zu treffen. Während die Mädchen nebeneinanderherfuhren, redete Nele ohne Punkt und Komma. Das Meiste, was sie erzählte, dachte sie sich aus. Weil Ausgedachtes alles so viel schöner machte und, weil sie es so sehr mochte, wie Mara ihr andächtig zuhörte, als ob es schön wäre, ihr zuzuhören. Sie mochte ihr erstauntes, aufmerksames Gesicht und musste darüber lachen, wenn sich Maras Stirn fragend zusammenzog. Mara war die Jüngere von ihnen. Sie war ein ganzes Jahr jünger, also eigentlich noch ziemlich klein. Nele kam sich groß neben ihr vor. Gerne wäre sie auch noch kleiner gewesen und überhaupt ein bisschen mehr wie Mara. Mara hatte etwas Verletzliches an sich, weil sie selbst in ihr junges Alter noch nicht ganz hineingewachsen und sehr zierlich war. Sie war es gewohnt für Andere die Kleine zu sein. Andere Kinder, wie auch die Erwachsenen, schienen sie immer beschützen zu wollen.

Der schmale, asphaltierte Weg, den die Beiden entlangrollten, endete in einer Wiese. Hier kamen die Mädchen mit ihren Rollschuhen nicht weiter. Um den Weg nach Hause abzukürzen, bald würde es dunkel werden, mussten sie jedoch die Wiese überqueren. Sie zogen ihre Rollschuhe aus. „Guck mal“, sagte Mara und zeigte auf ihre und Neles Füße. „Wir beide haben rote Socken an!“ „Welcher Tag ist heute?“ fragte Nele. Mara zog die Stirn zusammen und antwortete: „Der 7.März.“ „Heute ist der Tag der roten Socken“, rief Nele begeistert aus. „Wir haben den Tag der roten Socken erfunden“, fuhr sie fort. „Lass uns ab heute immer am 7.März rote Socken anziehen!“ „Au ja“, stimmte Mara strahlend zu. Dann rannten sie in ihren roten Socken, mit den Rollschuhen in der Hand, quer über die Wiese.

Viele Jahre später, hatten sie sich aus den Augen verloren. Nele war in eine andere Stadt gezogen. An einem Abend klingelte ihr Telefon. „Hallo?“ „Hier ist Mara! Ich wollte mich mal melden, hören wie es dir geht und ob du…“ Nele unterbrach Mara: „ob ich rote Socken anhabe?“ Es folgte ein freudiges Lachen am anderen Ende der Leitung. „Ja!! Genau!“ Es war der 7.März.

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16 Gedanken zu “Der Tag der roten Socken

  1. Ich hab keine roten Socken, was mach ich nur? Weißt du vielleicht, in der DDR wurden Parteigetreue als rote Socken bezeichnet, fast ein Schimpfwort, daran hab ich als erstes gedacht als ich den Titel las.
    Ich hab sie beide in roten Socken über die Wiese rennen sehen und mir gedacht, Momente wie diese vergisst man nicht 🙂

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    1. Ich glaube die Mara hat Nele wirklich gerne zugehört und ich bin mir sicher, dass auch der Kugelkuh jemand gerne zuhört. Ich kann zwar nicht stricken, aber vielleicht finde ich etwas Rotes für deine Hufen 🙂

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  2. Warum erfinden wir eigentlich so selten individuelle Feiertage für uns selbst und feiern stattdessen lieber kollektive, mit denen wir im Zweifelsfall gar nichts (mehr) verbinden? Der Gedanke, dass ein paar rote Socken zwei Menschen über Jahre hinweg verbinden können, hat für mich etwas ganz Zauberhaftes und Tröstliches. Danke dir für diese schöne Geschichte!

    Gefällt 2 Personen

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