Friedensbrücke

 

Sie ließ sich treiben. Hier in diesem anderen Land, alleine am Valentinstag in der fremden Stadt. Der Name Friedensbrücke gefiel ihr und da sie wusste, dass sich diese Brücke am Donaukanal befindet, wählte sie die Haltestelle als Ziel aus. Dort am Sonnenufer, sah sie schon von weitem die Fernwärmeanlage, die Hundertwasser gestaltet hat. Sie hatte vorher nicht im Reiseführer nachgeschaut, wo sich diese befindet, deshalb war es eine freudige Entdeckung. Folge deiner Intuition! dachte sie. Vor der Bank, welche die Form eines Bootes hatte, traf sie auf ihn. Von weitem schon hatte sie ihn bemerkt, wie er dort alleine stand und auf sie zu warten schien. Er sah ärmlich aus. Schwarze gegeelte Haare, verwaschene Jeans, eine abgewetzte blaue Jacke, abgelaufene Turnschuhe. Ein Mensch, der aussieht, als ob sich Viele vor ihm in Acht nehmen- und ohne ihm einen weiteren Blick zu schenken, vorübergehen würden. Doch, als er sie ansprach und nach Feuer für seine Zigarette fragte, war dort etwas Anderes. Er hatte ein wunderschönes Gesicht. Ein gebildetes Gesicht und vielleicht die traurigsten Augen, die sie je sah.

Es lag noch Schnee. Kleine Häufchen als Zeichen der Kälte dieser Welt. Sie verstanden sich nicht vollständig, denn ihr Englisch war nicht an den Klang seines Englisch gewöhnt. Sie erfuhr von ihm, dass er bei der NATO war und jetzt in Krems Asyl erhalten hat. Ihm war es nicht erlaubt zu reisen. Sie fragte ihn nach seiner Familie. Er sagte drei Worte, musste sich dann selbst unterbrechen und seine Tränen hinunterschlucken. Seine Einsamkeit traf auf ihr Herz. Er sagte, dass andere Menschen es gut hätten. Dass sie nach Hause fahren könnten, wenn sie dies wollten. Er könne nicht zurück. Dann entschuldigte er sich dafür, so ernst geworden zu sein und sie bedankte sich dafür, dass er es war. Still schauten Beide rauchend auf den Fluss. Er unterbrach die Stille und fragte, ob sie mit zur Donau fahren möchte. Zögernd willigte sie ein. Eigentlich, so dachte sie, waren sie bereits an der Donau. Und wie kommt es, dass sie, die sonst eher misstrauisch ist, Vertrauen zu diesem Fremden hat und mit ihm mitgeht? Vielleicht hatte sie auch deshalb keine Angst vor ihm, da sie seine Angst wahrnahm? Nein, sie dachte nicht, dass er Angst vor ihr hat, aber er hatte Angst vor seiner Vergangenheit und Angst vor seiner Zukunft. Sie hatte sein Zittern bemerkt. Es war nicht das Zittern eines Menschen auf Entzug, es war das Zittern eines Menschen, der die Angst in sich gespeichert hat. Sie fuhren zur Alten Donau und ihr wurde bewusst, dass der Unterschied zwischen dem Donaukanal und der Donau groß ist. Nachdem er sie fünf Mal gefragt hatte, wo sie sitzen möchte, hockten sich die Beiden, dem Wetter zum Trotz, direkt ans Wasser, auf die Steine am Ufer. Er sagte: „the world is hazy.“ Ihr gefiel der Klang, wie er dies sagte, obwohl sie nicht wusste, was es bedeutet. Sie sprachen über Religion und Glauben und über die ursprüngliche Bedeutung ihrer Vornamen. Sie erzählte ihm vom „Albernen Hafen“, dem Friedhof der Namenlosen. Während sie davon sprach, fragte sie sich, wie sie so unsensibel sein konnte, ein solches Thema zu wählen. Er schien mit dem Thema jedoch weniger Probleme zu haben, als sie selbst. Deshalb fuhr sie fort und fragte, warum sich die Wiener so sehr mit Friedhöfen zu beschäftigen scheinen? „Maybe, it’s because of the trust“, antwortete er. „It’s the trust!“

Als es dunkel wurde, trennten sich ihre Wege. Sie hätte ihm so gerne geholfen- irgendwie… Doch manchmal ist alles, was man geben kann, nur eine kleine Ansammlung von Zeit.

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6 Gedanken zu “Friedensbrücke

  1. „Doch manchmal ist alles, was man geben kann, nur eine kleine Ansammlung von Zeit.“ Ein schöner Schlusssatz für diese zarte Geschichte. Der Titel „Friedensbrücke“ passt auch zum Friedhof der Namenlosen und seiner Geschichte. Es gibt immer und überall Friedensbrückenbauer. Schön, von Dir daran erinnert zu werden.

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  2. Ich habe einige dieser Begegnungen an die ich mit Bedauern zurückdenke, weil hätte ich nicht…
    Deshalb denke ich hoffnungsfroh, dass viele kleine Ansammlungen von echter menschlich verbrachter Zeit ein ständig wachsendes Seil von Lebenskraft sind an dem man sich langhangeln kann zu einer grossen schönen Zeit.

    Gefällt 2 Personen

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