Diese Nächte (zum Schreibaufruf Dangerous Liaisons)

Es waren diese Nächte. Die Nächte, in denen die Dunkelheit die Häuser verschlang und der Nebel tief über den Schluchten zwischen ihnen hing. In jenen Nächten wurden die Schatten lebendig in ihr. Sie wandelte, mit einer innewohnenden Ruhe, durch die Gassen des kleinen Ortes an der Küste. In diesen Nächten gehörte ihr dieser Ort. Das Knacken und Knistern am Wegesrand schienen mit ihr zu flüstern. Die Männer und Frauen, die zu dieser Zeit noch unterwegs waren, kamen meist aus dem kleinen Pub in der Bridge Street. Angetrunken schlugen sie die Kragen ihrer Mäntel nach oben und eilten davon. Der Alkohol und die Dunkelheit verschleierten den Blick dieser Menschen. Sie hingegen sah völlig klar. Ihre Augen waren wie die einer Katze und sie hatte sich, über einen langen Zeitraum hinweg antrainiert, unbemerkt aufzutauchen und wieder zu verschwinden. Das war eine Kunstform, einem Zauber gleich, die sie vollkommen beherrschte. Und sie nutze diese Gabe. Auch in dieser Nacht.

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Mit einem geübten Blick für Gegenstände, an denen sich das Mondlicht bricht, näherte sie sich von hinten an. Diesmal war es eine Perlenkette, die im Kontrast zur Dunkelheit erstrahlte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ihr Herz schlug schneller und diese besondere Art der Erregung, durchströmte ihren Körper. Die Besitzerin der Kette schritt taumelnd über die Straße. Sie bemerkte die fremde Frau nicht, die, an das Eckhaus gelehnt, auf sie wartete. Als die Besitzerin ein Schritt vor ihr stand, ging alles ganz schnell. Wendig, geschickt und behutsam, wurde der Verschluss der Kette unbemerkt geöffnet und sie verschwand leise raschelnd in der Manteltasche der Diebin, die Sekunden später, wieder am Eckhaus der Straße lehnte, als gehöre sie selbst zur Fassade.

Ca. 10 Minuten später ging sie erfüllt und rauchend zurück nach Hause. Die Perlenkette legte sie sich noch auf dem Weg, selbst um den Hals. Wie schön war es, dieses erhabene und kühle Schmeicheln der Perlen. Sie wird sie auch morgen bei der Arbeit tragen. Wenn sie ihr Kollege, der Polizist Ryan danach fragen wird, dann wird sie antworten, wie bei jedem neuen Schmuckstück: „Das ist von der letzten Reise meines Verehrers, dem Seemann, du weißt schon.“ Und er wird weitere Details hören wollen über diesen Unbekannten, die sie ihm nicht verraten wird.

Alleine die Vorstellung dieser Situation löst in ihr erneut eine Erregung aus, ein kribbelndes, wohliges Schauern.

 

 

(Dieser Text ist entstanden, da Dagmar auf ihrem Blog tomorrow definitely dazu aufgerufen hat, zum Thema Gefährliche Liebschaften/ Dangerous Liaisons zu schreiben. Da sie einen Blog auf Englisch führt, habe ich diese Geschichte auch ins Englische übersetzt. Ich musste das letzte Mal zu Schulzeiten etwas übersetzen und deshalb war es eine ziemliche Herausforderung für mich. Wer sich meine Fehler anschauen möchte, oder, was viel spannender ist, sich Dagmars Bildergeschichte und die Reaktionen anderer Blogger*innen anschauen mag, oder vielleicht selbst noch eine Geschichte dazu schreiben möchte, kann dies hier tun.)

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10 Gedanken zu “Diese Nächte (zum Schreibaufruf Dangerous Liaisons)

  1. Auf deutsch liest es sich genauso schoen. Ich habe gemerkt, dass ich deine Geschichte geographisch versetzt habe, bei mir haben sich beim Lesen Bilder von Jack-the-Ripper London eingeschlichen… Die Katze mit night-vision 🙂 Du hast eine erstaunliche Fähigkeit dich in Charaktere hineinzuversetzen und sie mit Wahrheit und Menschlichkeit auszustatten.
    Thanks for rising to the challenge!!

    Gefällt 1 Person

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