Aber Hallo!

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Es ereignete sich vor über zehn Jahren.

Ich war mal wieder spät dran, schnappte mir den großen Müllbeutel und stürmte das Treppenhaus hinunter. Die Stufen waren gerade frisch gewischt und sehr rutschig. Plötzlich riss mich ein anzügliches „Aber Hallo!“ aus meinen Gedanken. Vor dem Aufzug stand der Opi aus dem 4. Stock. Mein Fuß verfehlte knapp die nächste Stufe und so wurde meine Bewegung zu einer Mischung aus Sprung und Fall. Direkt vor den Füßen des Opis kam ich auf und mir gelang es, mit Hilfe des Müllbeutels, irgendwie gerade noch mein Gleichgewicht zu halten, so dass es aussah, als hätte ich einen Knicks vor dem Mann gemacht. „Sehr sportlich, Frau Nachbarin“, begrüßte mich der Opi aus der Nähe. „Ich falle immer sportlich die Treppe hinunter“, knurrte ich ihm noch entgegen, während ich schon wieder weiterlief. Ich wollte die Bahn unbedingt noch bekommen. Als ich kurz darauf die Treppen zum Gleis hochsprintete, hörte ich, wie sie davonfuhr. Nicht schon wieder, dachte ich resigniert und schnappte nach Luft.

Am Gleis, als ich gerade meine Ohrstöpsel in meine Ohren popeln wollte, um mein Hirn zu beschallen, sah ich, wie ein kleines Mädchen direkt auf mich zustürmte. Verwundert schaute ich hinter mich, doch dort stand Niemand. Direkt vor mir kam das Mädchen zum Stehen und strahlte mich an. „Kann ich ein Autogramm haben?“ So verdutzt und überrascht wie ich war, konnte ich nicht gleich reagieren. Hinter dem Mädchen tauchte eine sichtlich gestresste Frau auf, vermutlich ihre Mutter. Die Kleine widerholte: Kann ich ein Autogramm haben? Kann ich ein Autogramm haben, bitte?“ und zupfte dabei an meinem Pulli-Ärmel. „Wer soll ich denn sein?“, fragte ich leise halb zur Mutter und halb zu dem Kind. „Is doch ejal jetze! Kritzel halt irgendwat!“ zischte mich leise die Mutter an, so dass es das Kind nicht hören konnte. Ich nahm das Stück Papier und den Stift, den mir das Mädchen entgegenstreckte und malte unleserliche Striche darauf. Das Mädchen quietschte vor Freude. „Toll!“ Sie schaute mich glücklich an, sagte „Tschüss Lolle“ und winkte mir zu. Augenblicklich freute ich mich über dieses Kind. Lolle! Lolle aus der Sendung Berlin, Berlin – die mochte ich. Worin sah dieses Kind die Ähnlichkeit? In meiner Frisur? In meiner Mimik?

„Du, Mama“ hörte ich das Mädchen sagen. „Wenn Lolle hier ist, glaubst du, dass Tom dann auch hier irgendwo ist?“

„Nee, Quatsch. Tom sucht doch sein Glück schon seit der letzten Staffel wieder in Malente.“ Doch das Mädchen ließ nicht locker: „Aber, vielleicht hat der Lolle ja besucht? Und, wenn der sie besucht hat, dann kommt der auch gleich zum Bahnhof?“ Die Mutter lächelte die Kleine an und wuschelte ihr durch die Haare. „Nee, Kleene. Ausgeschlossen!“

(dieser Text entstand wieder einmal zum Geschichtengenerator von Jutta Reichelt. Diesmal wurden folgende Begriffe vorgegeben: Tom (sucht etwas), Treppenhaus und Ausgeschlossen!)

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Schreibübung Fortsatz

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vom Haus aus Papier

Fort-Satz / die Fortsetzung, entstanden aus der Schreibübung „EINenSATZ“.

Aus der letzten Schreibübung hat sich ergeben, dass andere Bloggerinnen Freude daran haben, an einem vorgegebenen Satz weiterzuschreiben, den ich als Beispiel für die Schreibübung „Wer zeigt mir EINenSATZ?“ vorgegeben hatte. Wenn nun jede kommentierende Person einen Satz zu dem hinzufügt, was bereits entstanden ist, kann so eine gemeinsame Geschichte entstehen! Deshalb kann hier die Fortsetzung der gerade begonnenen Geschichte erfolgen, die ich im Folgenden unten poste. Damit dies nicht im Chaos endet, bitte ich alle, die daran teilnehmen wollen, bevor sie etwas posten, nachzuschauen, ob nicht ein(e) Blogger*in kurz vorher bereits etwas geschrieben hat, so dass die Geschichte dann keinen Sinn mehr macht. Ich weiß gerade nicht, ob das so funktionieren wird, aber sehe es jetzt mal als ein spannendes Experiment am Tag der offenen Tür im Haus aus Papier.

Noch eine Bitte:

In diesem Beitrag geht es alleine um die Fortsetzung dieser Geschichte hier. Wenn Jemand die Schreibübung zum EINenSATZ machen möchte, dann bitte auch unter dem Blogeintrag, der sich so nennt. Und, damit die entstehende Geschichte einen roten Faden behält, bitte ich von einzelnstehenden Nebenkommentaren, Verbesserungsvorschlägen, etc. abzusehen, da es sonst zu unübersichtlich wird. Jetzt bin ich aber gespannt, wie das weitergeht!

Nochmal in Kürze:

Die Übung Fortsatz bedeutet:

Einen Satz zur bereits enstandenen Geschichte als Kommentar posten. Der nächste Kommentarsatz sollte im Folgenden an den Satz des zuletzt geschriebenen Kommentars anknüpfen. In der bereits entstandenen Geschichte, hat Dagmar von Tomorrow definitely den letzten Satz geschrieben. Hier kann der nächste Satz anschließen.

Hier also die Anfangsgeschichte, die sich aus einem Satz des Romans Der Trafikant auf Seite 18/19 von Robert Seethaler ergab, den ich kursiv geschrieben habe.

“Mit Hilfe einiger Fahrgäste und unter genauer Beobachtung von Franz, der, seine weichen Mädchenhände hinter dem Rücken verschränkt, in sicherer Entfernung stand, schaffte man es, den Kadaver von den Gleisen zu zerren.” Obwohl Franz den Anblick von Blut eigentlich nicht ertrug, verfolgte er nun seine Spur, die einem Zug gleich, über die Gleise glitt.

Einfach Sein kommentierte:

Beklommen spürte er beim Anblick der dunkler werdenden Spur eine Erinnerung in ihm aufsteigen, die er längst gut zugedeckt geglaubt hatte.

Tomorrow definitely kommentierte:

Franz, ein introvertierter Hobbydetektiv gruebelte, etwas stimmte nicht, war der Hund ausversehen unter den Zug gekommen oder war er schon tot als er auf das Gleis gelegt wurde?, auch Selbstmord war nicht auszuschliessen.

Editiert am 23.02:

Ich finde das doof mit so vielen Regeln, deshalb habe ich sie wieder durchgestrichen. Ist ja wie in der Schule. Da konnte ich auch nichts machen ohne zu quatschen. Und ohne Nebenkommentare macht das auch keinen Spaß, jedenfalls mir nicht. Ich mag Knoten und Fädenrisse lieber als nen durchgängigen Faden. Und außerdem gehts im kreativen Schreiben um den Prozess und nicht ums Produkt. Schön, dass mir das grad so klar wird… Was meint ihr dazu?

Schreibübung: Wer zeigt mir EINenSATZ?

Ich habe mir eine neue Schreibübung überlegt. Es handelt sich hierbei nur um einen Satz, der erfunden werden muss. Die Übung nenne ich Tagessatz und sie geht so:

Nehmt ein Buch zur Hand. Vielleicht eins, das ihr besonders mögt, oder eins, in dem ihr gerade lest, oder das Buch, was sich in unmittelbarer Nähe befindet. Welches Datum ist heute? Nehmem wir als Beispiel das heutige Datum: 19.02. Deshalb schlage ich die Seite 19 (die, der Tageszahl entspricht) des Buches auf und lese den Satz in der 02 Zeile (die Zeile entspricht dem Monat).

Zu diesem Satz, den ihr dort lest, schreibt ihr einen Satz, der darauf folgen könnte. Das war es schon! Wofür das gut ist? Geübte Schreiber*innen könnten den gelesenen Satz als Textanfang benutzen, um dann eine eigene Geschichte weiterzuschreiben! Also, wer noch mehr schreiben möchte, nur zu!

Mein Beispiel:

„Mit Hilfe einiger Fahrgäste und unter genauer Beobachtung von Franz, der, seine weichen Mädchenhände hinter dem Rücken verschränkt, in sicherer Entfernung stand, schaffte man es, den Kadaver von den Gleisen zu zerren.“ Obwohl Franz den Anblick von Blut eigentlich nicht ertrug, verfolgte er nun seine Spur, die einem Zug gleich, über die Gleise glitt.

(Der kursiv-geschriebene Satz ist aus dem Buch Der Trafikant von Robert Seethaler.)

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Viel Spaß!

Friedensbrücke

 

Sie ließ sich treiben. Hier in diesem anderen Land, alleine am Valentinstag in der fremden Stadt. Der Name Friedensbrücke gefiel ihr und da sie wusste, dass sich diese Brücke am Donaukanal befindet, wählte sie die Haltestelle als Ziel aus. Dort am Sonnenufer, sah sie schon von weitem die Fernwärmeanlage, die Hundertwasser gestaltet hat. Sie hatte vorher nicht im Reiseführer nachgeschaut, wo sich diese befindet, deshalb war es eine freudige Entdeckung. Folge deiner Intuition! dachte sie. Vor der Bank, welche die Form eines Bootes hatte, traf sie auf ihn. Von weitem schon hatte sie ihn bemerkt, wie er dort alleine stand und auf sie zu warten schien. Er sah ärmlich aus. Schwarze gegeelte Haare, verwaschene Jeans, eine abgewetzte blaue Jacke, abgelaufene Turnschuhe. Ein Mensch, der aussieht, als ob sich Viele vor ihm in Acht nehmen- und ohne ihm einen weiteren Blick zu schenken, vorübergehen würden. Doch, als er sie ansprach und nach Feuer für seine Zigarette fragte, war dort etwas Anderes. Er hatte ein wunderschönes Gesicht. Ein gebildetes Gesicht und vielleicht die traurigsten Augen, die sie je sah.

Es lag noch Schnee. Kleine Häufchen als Zeichen der Kälte dieser Welt. Sie verstanden sich nicht vollständig, denn ihr Englisch war nicht an den Klang seines Englisch gewöhnt. Sie erfuhr von ihm, dass er bei der NATO war und jetzt in Krems Asyl erhalten hat. Ihm war es nicht erlaubt zu reisen. Sie fragte ihn nach seiner Familie. Er sagte drei Worte, musste sich dann selbst unterbrechen und seine Tränen hinunterschlucken. Seine Einsamkeit traf auf ihr Herz. Er sagte, dass andere Menschen es gut hätten. Dass sie nach Hause fahren könnten, wenn sie dies wollten. Er könne nicht zurück. Dann entschuldigte er sich dafür, so ernst geworden zu sein und sie bedankte sich dafür, dass er es war. Still schauten Beide rauchend auf den Fluss. Er unterbrach die Stille und fragte, ob sie mit zur Donau fahren möchte. Zögernd willigte sie ein. Eigentlich, so dachte sie, waren sie bereits an der Donau. Und wie kommt es, dass sie, die sonst eher misstrauisch ist, Vertrauen zu diesem Fremden hat und mit ihm mitgeht? Vielleicht hatte sie auch deshalb keine Angst vor ihm, da sie seine Angst wahrnahm? Nein, sie dachte nicht, dass er Angst vor ihr hat, aber er hatte Angst vor seiner Vergangenheit und Angst vor seiner Zukunft. Sie hatte sein Zittern bemerkt. Es war nicht das Zittern eines Menschen auf Entzug, es war das Zittern eines Menschen, der die Angst in sich gespeichert hat. Sie fuhren zur Alten Donau und ihr wurde bewusst, dass der Unterschied zwischen dem Donaukanal und der Donau groß ist. Nachdem er sie fünf Mal gefragt hatte, wo sie sitzen möchte, hockten sich die Beiden, dem Wetter zum Trotz, direkt ans Wasser, auf die Steine am Ufer. Er sagte: „the world is hazy.“ Ihr gefiel der Klang, wie er dies sagte, obwohl sie nicht wusste, was es bedeutet. Sie sprachen über Religion und Glauben und über die ursprüngliche Bedeutung ihrer Vornamen. Sie erzählte ihm vom „Albernen Hafen“, dem Friedhof der Namenlosen. Während sie davon sprach, fragte sie sich, wie sie so unsensibel sein konnte, ein solches Thema zu wählen. Er schien mit dem Thema jedoch weniger Probleme zu haben, als sie selbst. Deshalb fuhr sie fort und fragte, warum sich die Wiener so sehr mit Friedhöfen zu beschäftigen scheinen? „Maybe, it’s because of the trust“, antwortete er. „It’s the trust!“

Als es dunkel wurde, trennten sich ihre Wege. Sie hätte ihm so gerne geholfen- irgendwie… Doch manchmal ist alles, was man geben kann, nur eine kleine Ansammlung von Zeit.

Die fiese Luise

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Quelle: fotobias, pixabay.com, Link

Die fiese Luise

war alt und zerknittert

und hat nach drei Scotch

so dermaßen gezittert,

dass sie sämtliche Gläser,

nicht alle waren leer, –

zerschmiss.

Was für ein Scherbenmeer!

Das Funkeln und Glitzern

gefiel ihr so sehr,

doch hatte sie nun keine Gläser mehr.

Die fiese Luise

hielt sich nicht für ne Schrulle,

drum trank sie den Scotch

nicht direkt aus der Pulle.

Sie goss ihn,

und hielt dies betrunken für gut,

da es sonst nix mehr gab,

einfach in den Hut.

(Die Inspiration dieses Gedichts kam von Jutta Reichelts Geschichtengenerator, der immer wieder Freitags angeschmissen wird. Die zu benutzenden Begriffe dieses Mal waren: „Luise, ältere Dame mit Hut“)

Diese Nächte (zum Schreibaufruf Dangerous Liaisons)

Es waren diese Nächte. Die Nächte, in denen die Dunkelheit die Häuser verschlang und der Nebel tief über den Schluchten zwischen ihnen hing. In jenen Nächten wurden die Schatten lebendig in ihr. Sie wandelte, mit einer innewohnenden Ruhe, durch die Gassen des kleinen Ortes an der Küste. In diesen Nächten gehörte ihr dieser Ort. Das Knacken und Knistern am Wegesrand schienen mit ihr zu flüstern. Die Männer und Frauen, die zu dieser Zeit noch unterwegs waren, kamen meist aus dem kleinen Pub in der Bridge Street. Angetrunken schlugen sie die Kragen ihrer Mäntel nach oben und eilten davon. Der Alkohol und die Dunkelheit verschleierten den Blick dieser Menschen. Sie hingegen sah völlig klar. Ihre Augen waren wie die einer Katze und sie hatte sich, über einen langen Zeitraum hinweg antrainiert, unbemerkt aufzutauchen und wieder zu verschwinden. Das war eine Kunstform, einem Zauber gleich, die sie vollkommen beherrschte. Und sie nutze diese Gabe. Auch in dieser Nacht.

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Mit einem geübten Blick für Gegenstände, an denen sich das Mondlicht bricht, näherte sie sich von hinten an. Diesmal war es eine Perlenkette, die im Kontrast zur Dunkelheit erstrahlte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ihr Herz schlug schneller und diese besondere Art der Erregung, durchströmte ihren Körper. Die Besitzerin der Kette schritt taumelnd über die Straße. Sie bemerkte die fremde Frau nicht, die, an das Eckhaus gelehnt, auf sie wartete. Als die Besitzerin ein Schritt vor ihr stand, ging alles ganz schnell. Wendig, geschickt und behutsam, wurde der Verschluss der Kette unbemerkt geöffnet und sie verschwand leise raschelnd in der Manteltasche der Diebin, die Sekunden später, wieder am Eckhaus der Straße lehnte, als gehöre sie selbst zur Fassade.

Ca. 10 Minuten später ging sie erfüllt und rauchend zurück nach Hause. Die Perlenkette legte sie sich noch auf dem Weg, selbst um den Hals. Wie schön war es, dieses erhabene und kühle Schmeicheln der Perlen. Sie wird sie auch morgen bei der Arbeit tragen. Wenn sie ihr Kollege, der Polizist Ryan danach fragen wird, dann wird sie antworten, wie bei jedem neuen Schmuckstück: „Das ist von der letzten Reise meines Verehrers, dem Seemann, du weißt schon.“ Und er wird weitere Details hören wollen über diesen Unbekannten, die sie ihm nicht verraten wird.

Alleine die Vorstellung dieser Situation löst in ihr erneut eine Erregung aus, ein kribbelndes, wohliges Schauern.

 

 

(Dieser Text ist entstanden, da Dagmar auf ihrem Blog tomorrow definitely dazu aufgerufen hat, zum Thema Gefährliche Liebschaften/ Dangerous Liaisons zu schreiben. Da sie einen Blog auf Englisch führt, habe ich diese Geschichte auch ins Englische übersetzt. Ich musste das letzte Mal zu Schulzeiten etwas übersetzen und deshalb war es eine ziemliche Herausforderung für mich. Wer sich meine Fehler anschauen möchte, oder, was viel spannender ist, sich Dagmars Bildergeschichte und die Reaktionen anderer Blogger*innen anschauen mag, oder vielleicht selbst noch eine Geschichte dazu schreiben möchte, kann dies hier tun.)